Der Himmel ist Pechschwarz, nur der Mond und die
unendlich vielen Sterne verleihen der Stadt ein wenig Licht. In dieser Nacht
war es in Hamburg sehr still. Nur in paar Nachtschwärmer, die aus den eben
geschlossenen Kneipen rausgeworfen waren, war keiner auf den Straßen. Kaum ein
Auto fuhr und sogar die Lichter waren in jedem Haus geloschen.
Kein Wunder also, dass keine Menschenseele die
nächtliche Gestalt auf den Häuserdächern schleichen sah. Die Gestalt war
ziemlich klein und hatte einen Schwarzen Mantel an, der mit dem dunklen Himmel
verschmolz.
„Schon wieder sind wertvolle Dinge verschwunden. Die
Menschen sind nicht mehr sicher. Dieser ,Elbdieb´ wird binnen weniger
Wochen jedes erdenkliche Haus in
Hamburg ausgeraubt haben, wenn wir ihn nicht bald schnappen!“ Der Polizeichef
Hans Schneider war sichtlich erbost. Das war schon der dritte Polizist, den er
diesen Morgen zur Schnecke machte. Es kam einfach keiner mit den Ermittlungen
voran. Sein Freund, Matthias Wittert, ein angesehener Privatdetektiv, saß in
einem gemütlichen roten Sessel und betrachtete das Geschehen. Als der
zusammengefaltete Polizist den Raum verließ, um sich wieder seiner Arbeit
zuzuwenden, meinte Matthias zu seinem Freund plötzlich: „Gib mir mal bitte
einen Zettel. Ich möchte kurz aufschreiben, was wir bis jetzt wissen!“
Verwundert gibt Hans dem Detektiv ein Blattpapier
und einen Kugelschreiber.
„Danke. Also, wir wissen folgendes: ...“, wollte er
beginnen, doch Hans unterbrach ihn.
„Wir gehen davon aus das dieser Dieb männlich ist.
Er hat bis jetzt nur Häuser beraubt, die von der Elbe nicht weiter als 100m
entfernt waren. Er hinterlässt bei seinen Verbrechen immer einen toten Fisch,
der nach Analysen eindeutig von der Elbe stammt, zurück. Außerdem ...“
Matthias grinste breit über das Gesicht, als er
seinem Freund zuhörte, doch dann tat er es ihm gleich und unterbrach ihn:
„Wieso muss diese Person männlich sein? Ist es für dich etwa unmöglich, das
auch eine Frau diese Taten begannen haben könnte? Und ebenfalls würde mich
interessieren, seid wann es in der Elbe Fische gibt!“
Seufzend setzte sich Hans in seinen Bürostuhl. Mit
nachdenklichem Gesichtsausdruck antwortete er auf die Fragen: „Diese Person
schleppte solche Lasten aus dem Haus, die sogar für einen kräftigen Mann fast
zu schwer sind. Wenn du mir eine Frau zeigen kannst, die es schafft einen
starken Mann zu übertrumpfen, dann wäre ich sehr überrascht. ... Natürlich rede
ich von einer normal gebauten Frau. Bodybuilderinnen gelten nicht!“
„Und wieso nicht?“
„Weil ein Mann diese Person einmal gesehen hat, zwar
nur von weitem, und auch nicht scharf, aber er konnte erkennen, das dieser
Mensch sehr klein und schmächtig war.“
„Wenn er klein
und dünn war, dann kann es ja auch kein Bodybuilder gewesen sein. Denn das sind
große und kräftig gebaute Männer.“
„Du hast recht...“
Das Gespräch dauerte lange. Bis tief in die Nacht.
Um 2:00 Uhr morgens verabschiedete sich Matthias endlich und ging erschöpft
nach Hause. Seine Freundin wird ein Theater machen. Sie hasste es, wenn er so
spät kam.
Seufzend ging er über die Straße und blickte
zufällig nach oben. Die Sterne leuchteten ungewöhnlich stark und der Mond tat
so, als müsste er die Sonne ersetzen, so hell schien er! Wirklich, diese Nacht
war sehr romantisch. Verträumt schlenderte er zu seinem Heim, bis er plötzlich
eine Gestalt auf dessen Dach sah. Wie ein aufgescheuchtes Huhn eilte er über
die Straße und kletterte wie der Wind die Feuerleiter hoch, hoch bis zum Dach.
Doch als er dort ankam, sah er niemanden. Ob das eine Sinnestäuschung war?
Nachdenklich stieg er die Leiter wieder runter und begab sich in seine Wohnung.
Wie erwartet gab es Theater.
„Wo warst du? Weißt was ich mich für Sorgen gemacht hab? Was wäre gewesen wenn dieser Einbrecher gekommen wäre? Womöglich hätte er mir was angetan. Du bist so ein unverantwortlicher Mensch...!“
Matthias hörte sich geduldig die Worte von seiner Freundin Susanne an, bis diese aus dem Zimmer lief und die Tür zuschlug. Morgen wird sie sich wieder beruhigt haben!
Matthias nahm sich aus dem Wohnzimmerschrank eine Decke und legte sich aufs Sofa. Morgen früh wird er in die Bücherei gehen und ein bisschen rumsuchen. Danach musste er noch mal mit Hans reden. Er fiel in einen unruhigen Schlaf.
Ohne anzuklopfen stürmte Matthias in das Büro von Hans. Der saß tiefbeschäftigt vor einem Bericht und merkte erst gar nicht, dass er nicht mehr alleine war. Erst als Matthias einen Stapel Bücher auf seinen Schreibtisch knallte, erwachte Hans aus seiner Trance.
„Ich hab was rausgefunden!“
„Musst du so schreien, ich bin gerade beschäftig. Komm nachher wieder, ich kann jetzt nicht.“
Doch so leicht ließ sich Matthias nicht entmutigen. Entschlossen riss er seinem Freund den Bericht weg und blickte ihn ernst an.
„Wenn du den Fall auflösen willst, dann solltet du mir jetzt zuhören. Ich habe wichtige Sachen gefunden.“
Widerwillig nickte Hans. Er war bereit zuzuhören.
„Also, gut. Ich war eben in der Bibliothek. Ich dachte mir, das ich mal in alte Zeitungsberichte guckte und siehe da, schon war ich fündig. Ich lese dir mal schnell eine Stelle vor:
Endlich war der schrecklichste Einbrecher verschwunden.
Keiner weiß wo er sich zu Zeiten aufhält, aber das Rauben hat jetzt endlich ein
Ende, dank Joseph Besch. Wie er den Dieb angeblich aufgehalten hat bleibt
ungewiss, denn er hatte keine Zeugen. Aber erhat versprochen sein Werk
aufzuschreiben... „
Die Augen des Polizeichefs wurden größer doch dann wurden sie wieder normal.
„Wer sagt bitte, das es sich um ein und denselben handelt?“, fragte er neugierig.
Ungeduldig versuchte Matthias ihm das zu erklären: „In den vorherigen Zeitungsberichten stand vieles zur Beschreibung des Einbrechers. Sie sind deckungsgleich mit denen von unserem. Klein, schmächtig, toter Fisch von der Elbe, hinterlässt keine Spuren, keine Einbruchsspuren usw. ! Darauf hab ich mir das Buch von diesem Joseph Besch durchgelesen. Laut des Buches soll dieser Einbrecher ein Wassergeist von der Elbe sein, der sich für die Verschmutzung rächt, man kann ihn aber milde stimmen, wenn man...“ Schallendes Gelächter erklang vom Stuhl seines Gegenübers.
„Das soll ja wohl ein Witz sein Matthias! Ein Wassergeist! Ich dachte du bist als genug an solchen Quatsch nicht mehr zu glauben!“
„Das ist kein Quatsch! Ich glaube diesem Mann! Außerdem ist das unsere einzige Möglichkeit, diesen Einbrecher zu besiegen!“
Verächtlich schaute der Polizeichef den Detektiv an: „Mach was du für richtig hältst. Ich halt mich daraus. Mit solch einem Unsinn beschäftige ich mich nicht! Geh, ich will jetzt endlich diesen Bericht lesen!“
Enttäuscht von der Phantasielosigkeit und Realismus seines Freundes, verließ Matthias das Zimmer und trottete nach Hause.
Stille. Unheimliche Stille.
„Susanne? Bist du da?“
Niemand war da. Keine Menschenseele. Oder doch? Leises knacken verriet, das sich jemand im Zimmer nebenan befand.
„Hallo?“
Matthias betrat das Schlafzimmer. Er erblickte eine kleine gestalt. Sie war nicht größer als die eines zehnjährigen Kindes. Ein schwarzer Mantel mit Kapuze verhüllten den kleinen, schmächtigen Körper. Vorsichtig stupste Matthias die Gestalt an. Keine Reaktion. Wer war das? Was war das?
„Ich habe dich erwartet Matthias. Ich habe dich die letzten Monate beobachtet. Du bist mir tatsächlich auf die Spur gekommen. Wenn jeder so ein offenes Ohr für seine Umwelt hätte, dann hätte mich jeder entlarven können. Aber leider sind die meisten Menschen verschlossen und egoistisch.“ Matthias wusste, das er sprach, doch sehen konnte er nicht, ob er auch wirklich den Mund bewegte. Die Stimme klang zu überirdisch um aus einem Mund zu kommen.
„Wer bist du?“
„Kein Freund, aber auch kein Feind. Ich will dich nur beruhigen. Ein Wassergeist bin ich nicht. Auch wenn Her Besch das vor 150 Jahren vermutet hat. Aber was ich bin, das verrate ich nicht.“
„Matthias? Bist du da?“ Susannes Stimme erklang vom Flur.
„Ja, im Schlafzimmer.“ Er schaute verunsichert zu der Gestalt, die immer noch regungslos, mit dem Rücken zu Matthias gewand, am Bett stand.
Susanne betrat das Zimmer.
„Ich wollte noch mal... was ist? Hat es dir die...“ Ein kleiner Schrei kam aus ihrem Mund.
„Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten, auch wenn das viele tun. Ich bin der Elbdieb. Zumindest nennen mich viele Menschen so.
...
Plötzlich war er weg. Plop, einfach verschwunden. Ohne Spuren, ohne ein Wort.
„Matthias. Wer war das?“
„Ich weiß es nicht.“
Wer diese Person wirklich war, das wusste keiner und Matthias und Susanne sagten keinem Menschen, was sie erlebt haben. Beide mit verschiedenen Gründen. Aber eins hatte sich schlagartig geändert. Es gab keine Einbrüche mehr. Matthias setzte noch sorgfältigere Filteranlagen durch, damit die Elbe irgendwann mal wieder ein wirklich sauberer Fluss wird. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.
© Janine Wenzel