Die Wesen (Leseprobe)

 

...Ich bin wohl das größte Gegenteil von ihr: Langes krauses Haar, das überwiegend rot ist, aber auch schwarz, blond, braun und grau enthält. Schwarze, funkelnde Augen, die sehr gefährlich aussehen können, wenn ich will. Mein Gesicht ist mit Sommersprossen übersäht, noch dazu habe ich eine mittelgroße Narbe an der Schläfe.

Laut meiner Klassenkameraden bin ich potthässlich - laut meiner Mutter bin ich wunderschön, nur die Narbe störte ein wenig.

Ich bin sehr unbeliebt.

Außer meinem Schäferhund „Max“, habe ich eigentlich kaum Freunde.

Wir wohnen in New Orleans - und ich habe nicht die geringste Lust aufzustehen.

Doch was sein muss, muss sein. Ich erhebe mich langsam und bewege mich ins Badezimmer. Als ich gewaschen, gekämmt und angezogen in der Küche auftauche, werde ich mit einem müdem „Guten Morgen“ begrüßt, von meiner Mutter auf einen Stuhl geschoben und von meiner Schwester böse angeguckt.

Was ich ihr wohl wieder getan habe?

Im Fernsehen wird gerade die Lottoshow angekündigt. Meine Mutter sprintet ins Wohnzimmer um ihren Schein zu holen. Sie spielt schon seit fünf Jahren Lotto und hat noch nie mehr als 100 Dollar gewonnen.

Wann gibt sie es endlich auf?

O.K. sie gewinnt sowieso nichts.

Also, was soll ich hier? Es ist auch schon spät. Vielleicht sollte ich lieber losgehen. Sophie ist schon weg, dann geh ich auch mal.

 

In der Schule habe ich heute sehr viel gelernt:

Beim Frühstück, dass ich die einzige bin die Erdnussbutter mit Käse mag, beim Musikunterricht, dass ich keinen einzigen Ton richtig treffe und bei der Zeugnisausgabe, dass ich nicht sitzen bleibe!!!

Ich habe zwei Einsen, sechs Zweien, drei Dreien und zwei Vieren. Einen Durchschnitt von 2,36. Mein bestes Zeugnis in den letzten drei Jahren.

Leona hat natürlich überall Einsen. Die dumme Kuh kotzt  mich echt an.

Nachdem ich die drei letzten Schulstunden in der neunten Klasse überstanden habe, trotte ich nach Hause.

Dort erlebte ich eine große Überraschung: Meine Mutter ist zu Hause. Eigentlich arbeitet sie um diese Zeit.

Doch ihre Erklärung ist um noch einiges überraschender. Sie hat im Lotto gewonnen!

Fünf richtige!

Insgesamt 2,75 Millionen Dollar!

Dad, Ma, Sophie und ich sind so überrascht, dass wir erst Stunden später merken, dass uns die Welt jetzt offen steht. Ma und Dad können endlich ihre Schulden bezahlen und haben schlagartig kein Streitthema mehr.

Unsere Familie hat außerdem beschlossen nach Irland zu ziehen. Wir waren schon dreimal dort im Urlaub und wären da am liebsten nicht mehr weggegangen.

Sophie stellte sich ein bisschen quer, schließlich hatte sie Freunde hier, doch als meine Eltern meinten, sie könne hier ja auf ein Internat gehen - war sie auf einmal sehr für das Irlandprojekt begeistert.

„Es gibt ja auch Briefe. Dann schreibe ich meinen Freunden eben.“

Was ist so schlimm daran in ein Internat zu gehen? Ich meine, dass wären doch fast nur Vorteile!

1.       Sie müsste nicht mit anpacken alles in Kartons zu packen, sie bleibt ja hier.

2.       Sie würde mich nicht mehr mit ihrer Anwesenheit stören und

3.       es müssten sich nicht alle Familienangehörige anhören, wie scheiße ihr Leben ist.

Ja, wir sind mitten in den Vorbereitungen. Was man alles machen muss, wenn man in ein anderes Land ziehen will.

Ich bin ja so aufgeregt!

In Irland habe ich mich schon immer wohler gefühlt als in Amerika, und ich habe sehr oft davon geträumt dort zu leben. Aber wenn es dann soweit ist, dann ist alles anders.

 

„Maggy, wo hast du die Koffer mit den Klamotten hingebracht?“ - Das ist mein Vater.

Er arbeitet an einem Buch für Archäologie und ist Professor an einer Universität.

Seinen Job gab er nur ungern auf, doch als seine Bewerbungen an der Universität in Galway angenommen wurde, hat er seinen Verlust schon fast wieder vergessen. Galway hat immerhin die zweitbeste Universität in Irland.

Die einzige Bedingung ist, dass er in spätestens sechs Wochen anfangen muss.

„In der Abstellkammer, rechts hinter dem Schrank!“ Ich hatte die Koffer vor drei Stunden dort hingestellt.

„Danke Schatz! Weißt du vielleicht auch wo deine Mutter ist? Ich habe das ganze Haus durchsucht!“

Meine sehr schlaue Antwort darauf war: „Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube sie hat vorhin gesagt, sie macht in der Stadt noch ein paar wichtige Erledigungen!“

„Gut dann rufe ich sie jetzt auf Handy an, kennst du die Nummer?“ Das war eine intelligente Frage von Dad, er müsste eigentlich wissen, dass ich davon keine Ahnung habe, nebenbei interessiert mich das auch nicht.

Deshalb antworte ich: „Nein, aber Sophie müsste sie kennen!“

„Die ist bei Alisha und  kommt erst um 20:00 Uhr nach Hause!“ – Unglaublich, in ihrem Alter musste ich um Punkt 18:00 Uhr zu Hause sein!

„Dann steht sie im Adressbuch!“, antworte ich darauf. „Sicher?“ Warum glaubt mir mein Vater nicht? Lüge ich so viel?

Wir hören unsere Haustür. Ma ist wieder da.

„Franziska! Wo warst du? Hast du an unsere Hemden gedacht?“ Das war also das Problem! Er wollte Ma sagen, dass sie an diese coolen Holzfällerhemden denken soll.

„Ich war in der Stadt um neues, vollständiges Geschirr zukaufen. Ja, ich habe auch an die Hemden gedacht, und weil Sophie die niemals anziehen würde, habe ich ihr noch ein paar schicke Sweatshirts gekauft.

Maggy, du hast jetzt zwei blaue, zwei grüne und zwei rote in Größe XXL, ist das in Ordnung? Und Hans, dir habe ich die gleichen Hemden in Größe XL gekauft,  O.K.?“

Das ist meine Mutter!

Sie kennt meinen Geschmack in und auswendig - im Gegensatz zum Rest meiner Familie.

Die kaufen mir nämlich alles viel zu klein für meinen Geschmack!!

Ich liebe Sachen die viel zu groß sind, vier oder fünf Größen. Mein Dad versteht das nicht und meine Schwester hält mich für nicht ganz dicht.

Was Klamotten angeht, bin ich die Sparsamste in der Familie. Entweder ich trage die Klamotten von meinen Kusinen weiter, kaufe die Sachen auf dem Flohmarkt oder Ma kauft die Kleidung, aber in XXL oder in XL. Dad kommt damit nicht klar, weil die Sachen sogar ihm zu groß sind.

Meine Ma ist ein Schatz, auch wenn sie sehr temperamentvoll ist.

Sie hat im Supermarkt als Kassiererin gearbeitet, den Job aber sofort aufgegeben, als sie im Lotto gewonnen hatte. Gestern hat sie im Internet geguckt, wie viel ungefähr ein Häuschen in Irland kostet. Wir wollen natürlich in die Ecke von Galway ziehen, weil da Dad arbeitet.

Ma hat ein Haus in Salthill, einem Dorf nahe Galway, gefunden. Es ist zwar total alt, aber wunderschön, sogar Sophie hat es gefallen.

Telefonisch haben wir gleich einen Termin gemacht, um es uns anzusehen, dann hat Ma noch vier Tickets „First Class“ gebucht.

Die Flüge gehen nächste Woche Donnerstag. Wir haben also nicht mehr viel Zeit alles zu packen. Und was macht Sophie? Sie hat nichts besseres zu tun, als sich mit ihren Freunden zu treffen und einen ganzen Tag Abschied zu feiern.

Da fällt mir ein ich muss Ma noch was fragen!...

„Ma, was ist eigentlich mit Max? Den nehmen wir doch mit, oder?“

„Klar, Maggyspatz! Er muss allerdings erst sechs Wochen unter Quarantäne. Dann kann er zu uns!“

„Was? Er muss unter  Quarantäne? Er ist doch vollkommen gesund!“

„Ich weiß das, du weißt das, doch der Staat weiß es nicht. Es ist nicht schlimm für Max!“ Sehr witzig ich sehe meinen Hund Max, meinen einzigen Freund, sechs Wochen nicht. Es ist zum heulen. Ma nimmt mich in den Arm und tröstet mich, doch was bringt es?...

Ich bin wohl das größte Gegenteil von ihr: Langes krauses Haar, das überwiegend rot ist, aber auch schwarz, blond, braun und grau enthält. Schwarze, funkelnde Augen, die sehr gefährlich aussehen können, wenn ich will. Mein Gesicht ist mit Sommersprossen übersäht, noch dazu habe ich eine mittelgroße Narbe an der Schläfe.

Laut meiner Klassenkameraden bin ich potthässlich - laut meiner Mutter bin ich wunderschön, nur die Narbe störte ein wenig.

Ich bin sehr unbeliebt.

Außer meinem Schäferhund „Max“, habe ich eigentlich kaum Freunde.

Wir wohnen in New Orleans - und ich habe nicht die geringste Lust aufzustehen.

Doch was sein muss, muss sein. Ich erhebe mich langsam und bewege mich ins Badezimmer. Als ich gewaschen, gekämmt und angezogen in der Küche auftauche, werde ich mit einem müdem „Guten Morgen“ begrüßt, von meiner Mutter auf einen Stuhl geschoben und von meiner Schwester böse angeguckt.

Was ich ihr wohl wieder getan habe?

Im Fernsehen wird gerade die Lottoshow angekündigt. Meine Mutter sprintet ins Wohnzimmer um ihren Schein zu holen. Sie spielt schon seit fünf Jahren Lotto und hat noch nie mehr als 100 Dollar gewonnen.

Wann gibt sie es endlich auf?

O.K. sie gewinnt sowieso nichts.

Also, was soll ich hier? Es ist auch schon spät. Vielleicht sollte ich lieber losgehen. Sophie ist schon weg, dann geh ich auch mal.

 

In der Schule habe ich heute sehr viel gelernt:

Beim Frühstück, dass ich die einzige bin die Erdnussbutter mit Käse mag, beim Musikunterricht, dass ich keinen einzigen Ton richtig treffe und bei der Zeugnisausgabe, dass ich nicht sitzen bleibe!!!

Ich habe zwei Einsen, sechs Zweien, drei Dreien und zwei Vieren. Einen Durchschnitt von 2,36. Mein bestes Zeugnis in den letzten drei Jahren.

Leona hat natürlich überall Einsen. Die dumme Kuh kotzt  mich echt an.

Nachdem ich die drei letzten Schulstunden in der neunten Klasse überstanden habe, trotte ich nach Hause.

Dort erlebte ich eine große Überraschung: Meine Mutter ist zu Hause. Eigentlich arbeitet sie um diese Zeit.

Doch ihre Erklärung ist um noch einiges überraschender. Sie hat im Lotto gewonnen!

Fünf richtige!

Insgesamt 2,75 Millionen Dollar!

Dad, Ma, Sophie und ich sind so überrascht, dass wir erst Stunden später merken, dass uns die Welt jetzt offen steht. Ma und Dad können endlich ihre Schulden bezahlen und haben schlagartig kein Streitthema mehr.

Unsere Familie hat außerdem beschlossen nach Irland zu ziehen. Wir waren schon dreimal dort im Urlaub und wären da am liebsten nicht mehr weggegangen.

Sophie stellte sich ein bisschen quer, schließlich hatte sie Freunde hier, doch als meine Eltern meinten, sie könne hier ja auf ein Internat gehen - war sie auf einmal sehr für das Irlandprojekt begeistert.

„Es gibt ja auch Briefe. Dann schreibe ich meinen Freunden eben.“

Was ist so schlimm daran in ein Internat zu gehen? Ich meine, dass wären doch fast nur Vorteile!

4.       Sie müsste nicht mit anpacken alles in Kartons zu packen, sie bleibt ja hier.

5.       Sie würde mich nicht mehr mit ihrer Anwesenheit stören und

6.       es müssten sich nicht alle Familienangehörige anhören, wie scheiße ihr Leben ist.

Ja, wir sind mitten in den Vorbereitungen. Was man alles machen muss, wenn man in ein anderes Land ziehen will.

Ich bin ja so aufgeregt!

In Irland habe ich mich schon immer wohler gefühlt als in Amerika, und ich habe sehr oft davon geträumt dort zu leben. Aber wenn es dann soweit ist, dann ist alles anders.

 

„Maggy, wo hast du die Koffer mit den Klamotten hingebracht?“ - Das ist mein Vater.

Er arbeitet an einem Buch für Archäologie und ist Professor an einer Universität.

Seinen Job gab er nur ungern auf, doch als seine Bewerbungen an der Universität in Galway angenommen wurde, hat er seinen Verlust schon fast wieder vergessen. Galway hat immerhin die zweitbeste Universität in Irland.

Die einzige Bedingung ist, dass er in spätestens sechs Wochen anfangen muss.

„In der Abstellkammer, rechts hinter dem Schrank!“ Ich hatte die Koffer vor drei Stunden dort hingestellt.

„Danke Schatz! Weißt du vielleicht auch wo deine Mutter ist? Ich habe das ganze Haus durchsucht!“

Meine sehr schlaue Antwort darauf war: „Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube sie hat vorhin gesagt, sie macht in der Stadt noch ein paar wichtige Erledigungen!“

„Gut dann rufe ich sie jetzt auf Handy an, kennst du die Nummer?“ Das war eine intelligente Frage von Dad, er müsste eigentlich wissen, dass ich davon keine Ahnung habe, nebenbei interessiert mich das auch nicht.

Deshalb antworte ich: „Nein, aber Sophie müsste sie kennen!“

„Die ist bei Alisha und  kommt erst um 20:00 Uhr nach Hause!“ – Unglaublich, in ihrem Alter musste ich um Punkt 18:00 Uhr zu Hause sein!

„Dann steht sie im Adressbuch!“, antworte ich darauf. „Sicher?“ Warum glaubt mir mein Vater nicht? Lüge ich so viel?

Wir hören unsere Haustür. Ma ist wieder da.

„Franziska! Wo warst du? Hast du an unsere Hemden gedacht?“ Das war also das Problem! Er wollte Ma sagen, dass sie an diese coolen Holzfällerhemden denken soll.

„Ich war in der Stadt um neues, vollständiges Geschirr zukaufen. Ja, ich habe auch an die Hemden gedacht, und weil Sophie die niemals anziehen würde, habe ich ihr noch ein paar schicke Sweatshirts gekauft.

Maggy, du hast jetzt zwei blaue, zwei grüne und zwei rote in Größe XXL, ist das in Ordnung? Und Hans, dir habe ich die gleichen Hemden in Größe XL gekauft,  O.K.?“

Das ist meine Mutter!

Sie kennt meinen Geschmack in und auswendig - im Gegensatz zum Rest meiner Familie.

Die kaufen mir nämlich alles viel zu klein für meinen Geschmack!!

Ich liebe Sachen die viel zu groß sind, vier oder fünf Größen. Mein Dad versteht das nicht und meine Schwester hält mich für nicht ganz dicht.

Was Klamotten angeht, bin ich die Sparsamste in der Familie. Entweder ich trage die Klamotten von meinen Kusinen weiter, kaufe die Sachen auf dem Flohmarkt oder Ma kauft die Kleidung, aber in XXL oder in XL. Dad kommt damit nicht klar, weil die Sachen sogar ihm zu groß sind.

Meine Ma ist ein Schatz, auch wenn sie sehr temperamentvoll ist.

Sie hat im Supermarkt als Kassiererin gearbeitet, den Job aber sofort aufgegeben, als sie im Lotto gewonnen hatte. Gestern hat sie im Internet geguckt, wie viel ungefähr ein Häuschen in Irland kostet. Wir wollen natürlich in die Ecke von Galway ziehen, weil da Dad arbeitet.

Ma hat ein Haus in Salthill, einem Dorf nahe Galway, gefunden. Es ist zwar total alt, aber wunderschön, sogar Sophie hat es gefallen.

Telefonisch haben wir gleich einen Termin gemacht, um es uns anzusehen, dann hat Ma noch vier Tickets „First Class“ gebucht.

Die Flüge gehen nächste Woche Donnerstag. Wir haben also nicht mehr viel Zeit alles zu packen. Und was macht Sophie? Sie hat nichts besseres zu tun, als sich mit ihren Freunden zu treffen und einen ganzen Tag Abschied zu feiern.

Da fällt mir ein ich muss Ma noch was fragen!...

„Ma, was ist eigentlich mit Max? Den nehmen wir doch mit, oder?“

„Klar, Maggyspatz! Er muss allerdings erst sechs Wochen unter Quarantäne. Dann kann er zu uns!“

„Was? Er muss unter  Quarantäne? Er ist doch vollkommen gesund!“

„Ich weiß das, du weißt das, doch der Staat weiß es nicht. Es ist nicht schlimm für Max!“ Sehr witzig ich sehe meinen Hund Max, meinen einzigen Freund, sechs Wochen nicht. Es ist zum heulen. Ma nimmt mich in den Arm und tröstet mich, doch was bringt es?

© Janine Wenzel