Eine Weihnachtsgeschichte

 

Dies würde mein neunzigstes und auch letztes Weihnachtsfest sein. Ich bin stolzer Ehemann einer umwerfenden Frau, stolzer Vater von drei Kindern und noch stolzerer Großvater von zwei Enkelkindern. Doch irgendwann kommt die Zeit für den Wechsel des Lebens.

Ich gehöre zu den Menschen, die daran glauben, dass ein Platz für eine neue Seele wird, sobald jemand stirbt. Ich weiß, eigentlich klingt das unlogisch, da es immer mehr Menschen werden, aber überlegt es auch so, wenn jemand einen starken Kinderwunsch verspürt, so wie viele, dann werden sozusagen „Extraplätze“ frei.

Ich glaube daran so stark, weil mein erstes Kind unter diesen Umständen das Licht der Welt erblickte.

Damals war meine Frau gerade mal einundzwanzig. Man schließt daraus, da ich siebzehn Jahre älter bin, das mein Lebensalter ungefähr achtunddreißig betrug.

„Manni“, sagte sie, „Manni, ich wünsche mir so sehr Kinder!“ Tröstend nahm ich sie in den Arm, da wir davon ausgehen mussten, dass dies nie geschehen würde. Die Blutlinie ihrer Familie war mit einer seltenen Erbkrankheit verwunschen, die 99%ige Unfruchtbarkeit bei Frauen hervorrief. Jetzt fragt man sich natürlich, wie mit so einer Krankheit ein Erbgut überhaupt erhalten werden kann. Ja, das fragte ich mich damals auch.

Wir standen am ersten Advent in einer kleinen Gasse, die nur mit schwachleuchtenden Laternen ausgestattet waren, als sie mir dies sagte. In dem Moment, als sie zu Ende sprach, leuchtete die Laterne, die direkt neben uns stand, unheimlich auf.

Irritiert gingen wir weiter und machten uns darüber keine weiteren Gedanken.

Auch die nächsten Tage beschäftigte sie sich mit diesem Thema. Nie erwähnte sie es mit direkten Worten, aber man erkannte es in ihrem Verhalten und ihren Augen. So gerne hätte ich ihr geholfen, aber wir mussten uns damit abfinden.

So kam Weihnachten immer näher und wir mussten Vorbereitungen treffen, damit unsere großen Familie ein schönes Weihnachtsfest haben würde. Meine beiden Schwestern und meine drei Brüder würden kommen, allesamt mit ihren Familienmitgliedern. Dazu kamen Mathildes Eltern und ihre Zwillingsschwester.

In den Tagen bis Heiligabend verging kaum ein Tag, an dem ich nicht irgendetwas merkwürdiges sah. Irrlichter, kleine, weit entfernte Wesen, die, wenn ich es nicht besser wüsste, kleine Flügel hatten, merkwürdige Wörter in der Zeitung, die nach einiger Zeit wieder verschwanden oder ein kalter Kaffee, der bald wieder heiß wurde.

Meiner Frau erzählte ich nichts davon, da sie sehr abergläubisch war und sie das sicher beunruhigt hätte.

 

Schließlich kam der  24.12 und meine Verwandtschaft trudelte in unser Heim ein. Insgesamt hatten wir über fünfundzwanzig Gäste, vier davon Kinder. Mathilde wurde von Stunde zu Stunde unglücklicher, trotzdem verbrachte sie viel Zeit damit den kleinen Rabauken Geschichten vorzulesen und mit ihnen herumzutoben.

Am Abend war sie erschöpfter als die Kinder, so dass sie, nachdem wir die Geschenke ausgetauscht hatten und alle wieder gefahren waren, schnell ins Bett ging.

Am nächsten morgen klagte sie über Bauchkrämpfe und Übelkeit. Besorgt tat ich alles, was ich tun konnte, um ihr eine Freude zu machen. Die meiste Zeit schlief sie.

Am nächsten Morgen, die Nacht über war sie wach gewesen – sie hatte wohl am Tag zu viel geschlafen – fand ich unter meinem Frühstücksei einen Zettel, Mathilde war nirgends zu finden.

Du wirst Vater, stand darauf, mir rollten einfach nur die Tränen die Wange runter. Und dann kam sie durch die Tür, mit einem einfach Hauskleid, aber sie sah noch nie so unwerfend aus.

„Wirklich?“, wollte ich mich nur vergewissern und als Antwort lag neun Monate später ein kleines, rosanes, flauschiges, ach wie auch immer,... es war das süßeste Baby auf der ganzen Welt, was ich in meinen Armen spürte und machten mich zum glücklichsten Menschen der Welt.

In den darauffolgenden vier Jahren schenkte mir Mathilde noch zwei weitere Kinder, dann verebbte die „Kinderflut“.

Jetzt wäre es interessant zu wissen, wie DIES geschehen konnte. Ich weiß es nicht, ganz ehrlich, aber ich habe einen Glauben, dass Wünsche in Erfüllung gehen, wenn sie gerechtfertigt sind und einen Grund haben.

Die Vorstellungskraft und die Leidenschaft, wie sehr du dir etwas wünscht, dass sind Faktoren, die sehr wichtig im Leben eines Menschen sind. Unabhängig und ebenso verknüpft damit ist die Fantasie eines jeden.

© Janine Wenzel