Kleider machen Leute
„Na? Wie war dein erster Schultag?“
Was sollte ich darauf antworten? Mein Dad wusste nicht wie es ist, wenn man in eine neue Schule kommt, nur weil der Vater von der Westküste zur Ostküste ziehen musste, weil er versetzt worden war. Ich bin gleich zu einem Mobobjekt geworden, weil ich nicht aufgestylt und knapp angezogen in die Schule gekommen bin. Natürlich bin ich das schon von meiner alten Schule gewohnt gewesen und eigentlich stört es mich auch nicht, weil ich zu meinem ungeschminkten Gesicht stehe, aber wenn man nicht mal eine Freundin an seiner Seite hat, ist es doch schon ein bisschen deprimierend.
„Ganz okay... was erwartest du auch, es ist der erste Schultag!“
Mein Dad sagte nichts weiter, was sollte er auch sagen, es gab nichts mehr.
Der Vorteil bei einem alleinerziehenden Vater, der viel arbeitete, war, dass ich meine gesamte Freizeit so gestallten konnte wie ich wollte. Als meine Mutter noch bei uns lebte, war das ziemlich stressig. Sie wollte, dass ich bei allen möglichen Vereinen mitmache und die restliche Zeit sollte ich mit ihr verbringen. Es war echt ätzend.
Seit sie in Europa lebt verstehen wir uns viel besser. Okay, ich sehe sie jetzt nur noch zwei Wochen in den Sommerferien, dann fliege ich nach Europa, und in den Herbstferien kommt sie hierher. Wir haben glücklicherweise jetzt, hier in New York, eine so große Wohnung, die genug Zimmer hat, (In unserer alten Wohnung musste sie immer mit in meinem Zimmer schlafen) ein Schlafzimmer mit Arbeitszimmeranteil für Dad, ein Zimmer für mich, ein Gästezimmer, ein Wohnzimmer mit Fernseher und Couch, eine relativ große Küche und natürlich ein Bad. Ich finde unsere Wohnung eigentlich voll genial und die Schule ist ja im Prinzip auch nicht schlecht, eben so wie überall, mir fehlen eben nur meine Freunde. Ich hatte einen recht großen Freundeskreis und den vermisse ich natürlich.
„Hey Dad! Musst du heute noch irgendwohin oder warum hast du immer noch diesen Anzug an?“
„Ja, ich muss noch mal weg und ich komme auch erst sehr spät wieder. Sei also ein braves Mädchen und bleib schön zu Hause und guck fern oder so. Morgen können wir ja essen gehen!“
Er zwinkerte mir zu und verschwand noch mal ins Bad.
Ich taperte in mein Zimmer und setzte mich an den Computer. Ich musste noch Hausaufgaben machen und für einen Test lernen, den wir in zwei Tagen schreiben würden, aber ich wollte zuerst meine Mails abfragen und schauen, ob Markus mir schon geantwortet hat. Markus gehörte zu meinen besten Freunden, manchmal konnte ich mit ihm sogar besser über meine Probleme reden, als mit Jess zum Beispiel, die auch zu meiner Superclique gehörte.
Als ich im Internet war fielen mir fast die Augen raus. Seit gestern hatte ich 23 neue Mail im Postfach. Ich war fast zwei Stunden damit beschäftigt sie alle zu beantworten. Zwischendurch kam mein Dad rein, um sich zu verabschieden und mir zu sagen, dass er Geld dagelassen hätte von dem ich mir was vom Chinesen bestellen sollte.
Als ich dann fertig mit schreiben war, war es schon halb sechs.
© Janine Wenzel