Weihnachtsstress

 

In wirren Strähnen hingen meine Haare vom Kopf. Ihre Farbe war aschfahl und ein extremer Schimmer deutete auf einen hohen Fettgehalt in ihnen. Dass das ausgerechnet heute passieren musste, wo doch die gesamte Familie zum Vorweihnachtsschmaus kommen wollte!

Verstört rannte ich ins Bad, um geringfügigen Schaden zu beheben.

Es gelang mir nicht wirklich. Nachdem meine Haare gewaschen waren und ich somit das Gewusel und den Fett vernichtet hatte, musste ich sie föhnen. Natürlich war es klar, dass sie jetzt kraus und flatterig wurden. Ich hätte am liebsten meinen Fuß in den Schrank gerammt, glücklicherweise wurde mir noch früh genug bewusst, dass das meinem Fuß nicht gut getan hätte.

Also gut, ich produzierte eine einigermaßen akzeptable Frisur, bei der die krausen Haare am Rand nicht auffielen.

Danach ging ich in die Küche, um mir möglichst starken Kaffee zu machen, während die Kaffeemaschine vor sich hinrödelte, versuchte ich das Chaos in der Küche zu beseitigen. Vorher drückte ich aber auf den Anschaltknopf meines Radios.

Nach einer Stunde und drei Tassen Kaffee, sehr starken Kaffee, war die Küche sauber und ich war bereit für den nächsten Raum. Das Badezimmer. Hier musste nichts ganz so viel gemacht werden, aber gerade das wenige machte es mir sehr schwer. Ich fand nämlich den Glasflächenreiniger für den Spiegel nicht. Was für eine Katastrophe!

Zuerst säuberte ich deshalb das Waschbecken, die Duschkabine und die Toilette. Hinter dieser fällt mir dann plötzlich eine blaue Reinigungsflasche in die Hand. Der Glasflächenreiniger. Erleichtert sprühe ich den Spiegel voll und poliere die glatte Fläche.

So, ein Blick auf die Uhr bestätigt, dass ich noch Zeit habe, bis mein erster Gast, mein Bruder kommt.

Schnell flitzte ich in mein Schlafzimmer mit Büroanschluss und mache eilig das Bett. Den Kleiderschrank hatte ich, Gott sei Dank, letzte Woche aufgeräumt, so dauerte es auch nur eine halbe Stunde, bis mein Outfit perfekt war.

Im Büro war nur der Schreibtisch leer zu fegen, ansonsten war es recht ordentlich, zumindest für meine Verhältnisse.

Nur noch das Wohn- und Esszimmer und dann konnte ich mich endlich an den Herd begeben, um unser Essen zu kochen, Chili con Carne.

Als ich dieses Zimmer betrat, traf mich erst einmal der Schlag. Die Couch war übersäht mit Chipskrümel, der Tisch überhäuft mit den Sachen vom Chinesen, die ich mir gestern habe liefern lassen. Auf dem Boden lagen alte Zeitungen und die Decke, die ebenfalls mit Chipskrümeln bedeckt war.

Gestern sah das irgendwie noch nicht so schlimm aus, als ich nach einem anstrengenden Arbeitstag ins Bett gegangen bin. Vielleicht lag es daran, weil es dunkel war?

Seufzend hockte ich mich auf den Boden, um die Zeitungen aufzuheben. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch die Pflanzen sahen aus, als ob sie eine tüchtige Dusche gebrauchen könnten.

Nach zwei Stunden war ich endlich fertig. Das man für so ein kleines Zimmer so viel Zeit aufbringen musste war mir noch nie SO bewusst geworden, wie heute.

 

Als ich an meiner Wohnungstür vorbei ging, klingelte es. Mein Bruder war da. Gehetzt drückte ich den Knopf, damit unten die Tür auf ging, öffnete meine Tür einen Spalt und hastete in die Küche, um endlich meine Vorbereitungen fürs Essen anzufangen.

 

„Hallo, meine Liebe!“, begrüßte mich mein Bruder mit einem Kuss auf die Wange.

„Hey! Es ist sehr praktisch, dass du früher kommst, ich brauche dringend deine Hilfe beim Essen.“

„Du weißt, wie ungeschickt ich in der Küche bin, wobei brauchst du denn Hilfe?“

„Gemüse schneiden, Suppe aufsetzten, eben alles, was noch nicht fertig ist!“, fuhr ich ihn ungeduldig an und schob ihn in die Küche, aus der er am liebsten wieder geflohen wäre, als er sah, das wirklich noch GAR nichts fertig war.“

„Moment, halt, nein. Tue mir das nicht an! Ich will die Familie nicht vergiften.“

Einsehend, dass er recht hatte, seine Kochkünste waren miserabel, hielt ich inne und überlegte mir was anderes.

„Gut, dann decke bitte den Tisch!“

„Wo ist das Geschirr?“

Ich zeigte geistesabwesend auf einen Schrank und stürzte mich auf das Gemüse.

 

„Warum musst du auch immer alles so kurzfristig machen?“, beklagte sich mein Bruder, als er mit Tischdecken fertig war und ich ihn zum Zwiebelschälen beorderte.

„Ich habe einen Job und keine Zeit mich eher darum zu kümmern!“, erklärte ich lächelnd und schmeckte ab. Es fehlte Salz.

Dann holte ich aus dem Bad eine Packung Taschentücher. Simon wollte mir ja nicht glauben, dass man das Messer, mit dem Man die Zwiebeln schnitt, erst mit Wasser nass machen muss und dass man durch den Mund atmen sollte. Deshalb liefen ihm die Tränen das Gesicht runter.

Irgendwie schafften wir es das Mittagessen fertig zustellen, noch ehe die anderen Gäste kamen. Unsere Familie war zum Glück nicht sonderlich groß, so dass alle in meine winzige Wohnung passten.

Meine Eltern kamen mit meiner jüngeren Schwester, die noch zu Hause lebte und meine Großmutter brachte meine Tante mit. Das war`s schon an Verwandtschaft!

Das Essen wurde sehr lustig und meine Mutter beglückte uns alle mit einer wundervollen Gesangseinlage, sonst hörten wir eine Weihnachtsmusik CD aus meinem unerschöpften Vorrat.

Bis in die Nacht unterhielten wir uns und lachten, bis uns die Bäuche wehtaten. Mein fünfundzwanzigstes Weihnachtsfamilienessen war wirklich sehr schön!

©Janine Wenzel